arrow_upward

Das Projekt

Einleitung und Ziele

Das vorliegende Umsetzungsvorhaben („Reallabor“) fokussiert innovative, auf Digitalisierung basierende Handels- und Logistikdienste, die neue Geschäftsmodelle etablieren und den stationären Handel und das Gewerbe unterstützen. Damit wird die regionale Wirtschaft gefördert - und Lebensqualität gesteigert: Geringerer motorisierter Individualverkehr, Bindung von lokaler Kaufkraft, Arbeitsplatzsicherung im lokalen Handel und Gewerbe, um nur wenige positive Effekte zu benennen. In einer neuen physischen und digitalen Infrastruktur werden die verschiedenen Akteure im urbanen Raum – Private Haushalte, Wirtschaft und Logistik – über eine digitale Plattform vernetzt, um Waren & Dienstleistungen auszutauschen („regionales Internet der Dienste und Dinge“). Das Reallabor Bottrop dient als Nukleus für Akzeptanz- & Partizipationsuntersuchungen für die Übertragbarkeit sowie Etablierung von innovativen Geschäftsmodellen und stützen so den vorwettbewerblichen Charakter.

Das Vorhaben lässt sich durch folgende Aspekte charakterisieren:

  • Schaffung einer Plattform vernetzter Logistikdienste mit angeschlossener Online-Plattform zum digitalen Angebot der Waren & weiterer Dienste des stationären Einzelhandels und des Gewerbes,
  • Weiterentwicklung und Integration von praxiserprobter Innovationsbausteine der urbanen Logistik (Transport, Lagerung, Warenübergabe) zur digitalen Verknüpfung von Handel, Gewerbe, Industrie & privater Haushalte,
  • Identifizierung neuer Geschäftsmodelle zur Stärkung der lokalen Wirtschaftsakteure (Handel, Kleingewerbe und Handwerk) u.a. durch niedrigschwellige digitale Lösungen des Multi-Channel-Handels,
  • Erhöhung der Lebensqualität, z.B. für Berufstätige und bei der Versorgung der alternden Bevölkerung
  • Reduzierung von Emissionen z. B. durch den Einsatz emissionsarmer Fahrzeuge, Transportbündelungseffekte und Reduzierung von Liefer- und Abholwegen
  • Generierung empirischer Nutzererfahrungen hinsichtlich Akzeptanz und Partizipation für eine Skalierung im Roll-Out und für die Gestaltung, auf Digitalisierung beruhender, disruptiver Geschäfts- und Betreibermodelle.

Als integraler Akteur übernimmt dabei die Logistik zentrale Aufgaben und vielfältige Dienstleistungen in der Versorgung von privaten Haushalten, Handwerk, Handel und kleingewerblichen Unternehmen. Verschiedenste Trends, wie die anhaltende Urbanisierung, Überalterung der Gesellschaft, steigende Ansprüche an Umwelt- und Ressourcenschonung bei gleichzeitig zunehmender Fragmentierung des Kurier-, Express- und Paket (KEP)Markts erhöhen die Anforderungen und Komplexität der Logistik. Das in dieses Vorhaben integrierte intelligente Konzept zur Digitalisierung und Vernetzung des stationären Einzelhandels fokussiert gleichzeitig auf die veränderten Einkaufsgewohnheiten, die internationale Konkurrenz im Online-Markt und auf die Bedürfnisse derälter werdenden Bevölkerung.

Der Begriff „Urbane Logistik“ geht im Rahmen dieses Vorhabens über die Gestaltung innovativer Verkehrs- und Umschlagkonzepte für einen urbanen Raum hinaus: Durch die Orchestrierung verschiedener digital vernetzter Logistikdienste, die verknüpft mit der notwendigen „analogen“, physischen Infrastruktur die Innovationsbausteine darstellen, gelingt die Umsetzung eines intelligenten Handels- & Logistikkonzepts.

Angepasst an die spezifischen Verhältnisse in Bottrop werden die Innovationsbausteine bedarfsgerecht installiert. Die Stadt Bottrop ist im Süden dicht besiedelt, weist im Norden dagegen ländlich geprägte Strukturen auf, gleichzeitig haben sich vor allem die nördlichen Stadtteile aufgrund ihres hohen Anteils an Grünflächen zu beliebten Wohnstandorten für die gesamte Region entwickelt. Damit bildet die Stadt sowohl ein Modell für städtisch geprägte Versorgungsstrukturen als auch für die ländlicher Bereiche. Daher eignet sich Bottrop ideal als Modellstadt und ist durch Größe und Struktur als „Blaupause“ für spätere Roll-Out-Umsetzungen geeignet.

Wesentlich für das Gelingen eines anschließenden Roll-Outs sind die erfolgreiche Nutzergewinnung und die Schaffung und Dokumentation von Nutzererfahrungen. Daher wird auch im Vorhaben ein besonderer Wert auf die begleitete Integration der Akteure gelegt. Hierzu wird ein Stakeholdermanagement als wichtiger Umsetzungsbaustein in das Projekt integriert, welches vor allem dem Handel, Gewerbe und der privaten Haushalte hilft, die „Hürde“ der Digitalisierung zu überspringen und die Akzeptanz und Partizipation zu steigern.

Vor diesem Hintergrund leistet das Projekt "LOUISE" einen Beitrag zur wirtschaftlich und nachhaltigen Entwicklung von Lebensräumen ein weitreichendes Umsetzungsprojekt zur Logistik und zum Handel urbaner Räume. So werden verfügbare und praxiserprobte Logistiktechniken auf Basis digitaler Vernetzung in maßgeschneiderte Lösungen (Dienste) für die Modellstadt Bottrop implementiert. Ausgehend von einer Bedarfs- und Anforderungsanalyse werden diese modularen und skalierbaren Innovationsbausteine eingeführt, die „smarte“ Prozesse des sog. „Local Commerce“ mit der Versorgung der Haushalte und Unternehmen ermöglichen.

Die folgende Abbildung zeigt den Projektfokus: Typische Versender sind der stationäre Einzelhandel, das Kleingewerbe, wie z. B. Änderungsschneidereien, Schuster oder Wäschereien, Handwerker und Unternehmen aus dem Bereich Health-Care. Die Innovationsbausteine werden durch vorhandene Technikkonzepte gebildet, zu ihnen gehören beispielsweise emissionsarme Transportmittel wie z. B. eCargoBikes, Paketboxen, multifunktionsfähiges CityHub etc. Diese bilden im Rahmen des Vorhabens die logistische Infrastruktur, auf die die verschiedenen Dienste über die zu schaffende multifunktionale Online-Plattform zugreifen.

Projektfokus LOUISE

Diese Innovationsbausteine und Akteure vernetzen sich in einer virtuellen Logistikplattform, in der Informationen und Daten ausgetauscht werden. Die Empfänger der Waren haben die Möglichkeit aus einem Multi-Channel-Angebot ihre bevorzugte Lieferform auszuwählen. Des Weiteren werden Funktionen wie bsw. die Auftragsvergabe und Rückmeldung zu den Transportmitteln, Statusmeldungen zum Transport, Ankündigungen von Lieferzeiten in die Paketboxen über die Plattform gesteuert.

Die so geschaffene digitale Verknüpfung von Handel, Dienstleistung und Logistik ermöglicht eine Zustellung i.d.R. innerhalb desselben Tages und ist damit leistungsfähiger als Großteile des klassischen Versandhandels. Die angeschlossene Plattform zum Local Commerce soll so modular aufgebaut sein, dass sie die Digitalisierung des Handels abhängig von den bereits vorhandenen individuellen Voraussetzungen und Bedürfnissen der einzelnen Händler unterstützt und umfasst weitere Funktionen zur Digitalisierung weiterer Services (Mehrwertdienste), welche in der Bedarfsanalyse mit den Bottroper Händlern identifiziert und in die Plattform integriert werden.

Die verschiedenen Akteure in urbanen Räumen – Private Haushalte, regionale Wirtschaft und Logistikunternehmen – vernetzen sich in einer neuen physischen und digitalen Infrastruktur, der „LOUISE-Plattform“. Das Konzept basiert auf innovativen Informations- und Kommunikationstechnologien sowie modernen Handels- und Logistikkonzepten, die über eine zu schaffende digitale Plattform interagieren. Der Gedanke des „Local Commerce“ wird gemeinsam mit den Möglichkeiten einer intelligenten, auf individuelle Bedürfnisse ausgerichtete Logistik verknüpft. Neben wirtschaftlichen Potenzialen und der Implementierung neuer Geschäftsmodelle ermöglicht diese Kombination die Reduzierung gefahrener Kilometer des Individualverkehrs und eine einhergehende Einsparung von CO2 bei gleichzeitiger Steigerung der Versorgungssicherheit, des Wirtschaftsfaktors und der Lebensqualität.

Mit dem vorliegenden Umsetzungsvorhaben werden folgende Ziele verfolgt:

  • Stärkung des stationären Einzelhandels sowie der ansässigen Dienstleistungsunternehmen
  • Etablierung intelligenter, vernetzter Logistikdienste als Rückgrat der Versorgung
  • Entwicklung und Erprobung neuer Geschäfts- und Betreibermodelle
  • Generierung von Nutzererfahrung für weitere Roll-Out (Akzeptanz- und Partizipationsstudie)

Teilziel 1: Stärkung des stationären Einzelhandels

Zur Stärkung des stationären Einzelhandels wird ein intelligentes Konzept zur urbanen Versorgung entwickelt, welches ebenfalls Mehrwertdienste beinhaltet. Solche Mehrwertdienste können sein

  • Standortanzeige zu Händlern, Bankautomaten, Parkplätzen etc.
  • Push-Benachrichtigungen mit aktuellen Infos / Angeboten / Tipps / Fragen an den User etc.
  • Virtueller Cityrundgang / Informationsfilme
  • ÖPNV- / Taxi- / Mietfahrräder- / Wetter-Infos
  • Forum für Fragen / Problemlösungen für Nutzer
  • Credit-System für Bestellungen bei Dienstleistern
  • Veranstaltungskalender / Freizeit- und Sportangebote / Vereine

Teilziel 2: Etablierung intelligenter vernetzter Logistikdienste als Rückgrat der Versorgung

Intelligente, auf Innovationsbausteinen basierende, digitalisierte und vernetzte Logistikdienste als Rückgrat der Versorgung der privaten Haushalte und Unterstützung des Handels und Gewerbes durch ein exzellentes Leistungsversprechen (z.B. „same day delivery“)

Innovative, teilweise auch schon praxiserprobte Logistikbausteine dienen der Versorgung der privaten Haushalte und regionaler Unternehmen mit Waren und Dienstleistungen als Antwort auf veränderte Einkaufsgewohnheiten und demografische Anforderungen. Hier ist bspw. die Versorgung von Senioren und Menschen mit Behinderung zu nennen, die besonders von diesen neuartigen Versorgungskonzepten profitieren können.

Teilziel 3: Entwicklung neuer Geschäfts- und Betreibermodelle

Die Umsetzung des innovativen City-Logistikkonzeptes mit technischen und physischen Logistikdiensten sowie der digitalen Plattform bleibt unvollständig, wenn nicht zugleich die Veränderung der Wertschöpfung zwischen den Marktteilnehmern analysiert und auf dieser Basis auch neue Geschäftsmodelle für die Akteure und ein geeignetes Betreibermodell für die Plattform entwickelt werden. Ausgehend von den Erwartungen der Nutzer wird deshalb aufgezeigt, in welchen Bereichen sich der zusätzliche Aufwand für Plattformbetreiber und Dienstanbieter „rechnet“, weil zugleich neue Marktchancen erschlossen werden können.

Teilziel 4: Generierung von Nutzererfahrung für die Übertragbarkeit auf andere Regionen (Akzeptanz- und Partizipationsstudie)

Der reallaborbasierte Ansatz dient der Generierung und systematischen Aufbereitung von Nutzererfahrungen für ein Roll-Out auf andere Regionen, die Identifizierung von Barrieren und Voraussetzungen zur „Teilnahme“ an einem solchen System. Mit einer umfassenden Akzeptanz- und Partizipationsstudie wird die Datengrundlage zur quantitativen Abschätzung von Einflussfaktoren für Umsetzungsaufwand und Erfolgspotenzialen bei der Übertragung auf andere Standorte erarbeitet.

Bezug zu förderpolitischen Zielen

Wirtschaft, Handel und Gesellschaft stehen vor großen Herausforderungen, die aus den Megatrends der zunehmenden Digitalisierung, den exponentiellen Wachstumsraten im E Commerce, Globalisierung und dem demographischen Wandel resultieren. Um auch zukünftig den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wohlstand Deutschlands zu sichern, die Versorgung privater Haushalte mit Waren des täglichen Bedarfs durch den stationären Einzelhandel und bei entscheidenden Zukunftstechnologien zur Weltspitze zu gehören, sind Innovationen gefragt. Der Anspruch der Innovationspolitik des BMWi lautet daher „Mehr Ideen in den Markt bringen“. Um diesem Anspruch zu genügen, ist es aus Sicht des BMWi erforderlich, dass sich in Deutschland eine zukunftsorientierte Gesellschaft entwickelt, die sich auszeichnet durch

  • Aufgeschlossenheit gegenüber Technik und Innovationen,
  • Kultur der Kooperation zwischen Ideengebern, Umsetzern und Nutzern,
  • weitgehende Digitalisierung,
  • hervorragend, ausgebildete Fachkräfte,
  • neue Gründerkultur,
  • Kompetenzzuwachs durch qualifizierte Zuwanderung und
  • Innovationsfreundlicher Rechtsrahmen.

Neben der Unterstützung der Entwicklung neuer Ideen insbesondere in strategischen Schlüssel-bereichen, braucht es insbesondere geeignete Maßnahmen die dabei unterstützen diese Ideen auch möglichst schnell, effektiv und effizient umzusetzen. Um die Innovationspolitik zu verbessern, fokussiert die Bundesregierung ihre Anstrengungen daher auf zwei Bereiche:

  • Mission 1: Mehr Innovationen erzielen und vorhandene Innovationspotenziale besser erschließen
  • Mission 2: Neue Innovationspotenziale in strategischen Schlüsselbereichen ermöglichen

Das BMWI will auch nicht technische Innovationen fördern und plant, ein Aktionsprogramm für nichttechnische Innovationen zu starten, um Projekte und Netzwerke mit hohem Wertschöpfungspotenzial zu unterstützen, z. B. die Entwicklung neuer innovativer Geschäftsmodelle.

In diesem Kontext spielt auch Innovationen aus dem Sektor der Urbanen Logistik eine entscheidende Rolle. Sie ist aus der Versorgung der Städte nicht mehr wegzudenken: Die Logistik übernimmt wichtige Aufgaben in der Versorgung für Haushalte, den Handel, für produzierende Unternehmen und vielfältige weitere Dienstleistungen. Die Schere der Anforderungen an die logistische Versorgung urbaner Räume wird weiter auseinandergehen. Auf der einen Seite stehen die durch den Internethandel zunehmenden und gleichzeitig kleinteiligeren Warenmengen, auf der anderen Seite führt die Zuspitzung der Verkehrssituation , Flächenknappheit und Nutzungskonkurrenzen sowie Umwelt- und Klimaschutzziele zu erheblichen Einschränkungen bzw. notwendigen Effizienzsteigerungen.

„Urbane Logistik“ ist auf der Agenda politischer Akteure weit oben angeordnet . Wirtschaft und Wissenschaft haben den Bedarf ebenfalls klar artikuliert. Die Umsetzung neuer Lösungen ist jedoch schwierig, weil der Nutzen nicht transparent wird und die heutigen Marktakteure aufgrund der mangelnden Ganzheitlichkeit ihrer Angebote kaum Marktdurchdringung erreichen können.

Gleichzeitig stehen im Vergleich zu Ansätzen der City-Logistik der 1990er Jahre neue technische Lösungswege, vor allem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien, der Vernetzung und Kollaboration, zur Verfügung.

Die Logistik ist eines von vielen zukunftsrelevanten Gestaltungsfeldern der Stadtentwicklung. Die skizzierten Entwicklungen führen zu enormen Herausforderungen hinsichtlich der intelligenten Versorgung hochkomplexer, verdichteter menschlicher Lebensräume, der effizienten Vernetzung unser Wirtschaftsräume und dem Betrieb von Handelsbeziehungen. Gleichzeitig wird für Städte und Regionen einerseits die gebotenen Lebensqualität, andererseits die Produktivität, Logistik- und Verkehrsleistung des Wirtschaftsraums zum Wettbewerbsfaktor. Die bedarfs- und raumgerechte Gestaltung von Logistik- und Mobilitätssystemen wird damit zu einer Aufgabe, mit der sich Städte / Kommunen, Behörden und Einrichtungen der Regional- und Landespolitik verstärkt auseinander setzen müssen. Die Maßnahmen der Urbanen Logistik sind in diesem Zuge mit anderen vorrangigen Tätigkeitsfeldern der Stadtentwicklung (Bauen, Energie, Gesundheit, Straßenverkehr) zu harmonisieren.

Wissenschaftliche und/oder technische Arbeitsziele des Vorhabens

Vor dem Hintergrund der neuen Herausforderungen des stationären Handels und der Versorgung urbaner Räume mit immer mehr Individualisierung und der Notwendigkeit der Bündelung von Verkehren, ist es das Ziel des Forschungsvorhabens LOUISE, einen Paradigmenwechsel hin zu vernetzten Logistikdiensten nach dem Prinzip des Internets der Dinge und Dienste herbeizuführen. Die anvisierte technische Lösungsgrundlage mit Softwareplattform zur Steuerung logistischer Aufträge und zur Digitalisierung des Handels sowie einer Vielzahl von Innovationsbausteinen ist mit den angestrebten Nutzungs- und Anwendungsmöglichkeiten bisher nicht verfügbar. Dementsprechend liefert LOUISE nicht nur bedeutende Grundlagen vernetzter dezentraler Logistik- und Handelskonzepte, sondern trägt über seine ausgeprägte Akzeptanz- und Partizipationsstudie wesentlich zum Verständnis des Nutzerverhaltens bei. Ein Schwerpunkt von LOUISE liegt ebenfalls auf der Entwicklung geeigneter Geschäfts- und Betreibermodelle, die zur Stärkung der lokalen Wirtschaft und Reduktion der Abwanderung zum Online-Handel beitragen sollen. Generell verbindet das Vorhaben mit seinen Zielen auch positive Auswirkungen auf die Lebensqualität, neue Ansätze für die die Versorgung der alternden Bevölkerung und die Nachhaltigkeit durch Bündelung von Transporten und den Einsatz emissionsarmer Transportmittel.

Stand der Wissenschaft - bisherige Arbeiten

Anderweitige FuE-Ansätze und Lösungen, eigene Vorarbeiten

Bisherige Vorhaben im Bereich urbaner Warenströme fokussieren ausschließlich auf Teilaspekte der Versorgungsfunktion im urbanen Raum, z.B. Einsatz von Lastenfahrrädern für die letzte Meile, die Einrichtung von Warenübergabestationen oder Mikro-Depots. Es fehlt jedoch der integrierte systemische Lösungsansatz und der Aufbau entsprechender Geschäftsmodelle entlang von umsetzbaren stadt- oder quartiersbezogenen Bedarfen. Im Wesentlichen können in der aktuellen Forschungslandschaft die folgenden Themenschwerpunkte mit in sich abgeschlossenen Problemstellungen, Zielsetzungen und Lösungsansätzen ausgemacht werden:

  1. Ansätze zur Reduktion verkehrsrelevanter Engpässe in der Feindistribution vor dem Hintergrund steigender Restriktionen der Einfahrt in urbane Räume. Möglicher Lösungsansatz: Verschiebung der Anlieferungszeitfenster in die Nacht zur Nutzung der Infrastruktur in weniger belasteten Zeiten unter Einsatz geräuscharmer Transport- und Logistik-Technik und von Elektromobilität.
  2. Ansätze zur innovativen Filialbelieferung vor dem Hintergrund sinkender Auslastungseffizienz im Transport. Lösungsansätze dazu: Konzepte für gebündelte Filialbelieferung mehrerer Handelsunternehmen, Austausch von Fahrzeugen und Einsatz kleinerer Fahrzeuggrößen, Entwicklung neuer intelligenter Ladungsträger bzw. mobiler Wareneingangszellen, die eine Belieferung unabhängig vom Wareneingangspersonal gewährleisten können.
  3. Ansätze für neue Anforderungen in der Endkundenbelieferung vor dem Hintergrund steigender E-Commerce-Anteile. Lösungsansätze: Abhollösungen wie die Packstation der Deutschen Post DHL oder Emmas Box, BentoBox zur dezentralen Warenübergabe, Systeme der Warenübergabe an der Haustür.
  4. Ansätze für Nachhaltigkeitsaspekte in der urbanen Belieferung als übergreifender Themenbereich zur Reduktion von Lärm- und Abgasemissionen. Lösungsansätze: technische Innovationen wie der Einsatz von Elektromobilität oder Hybridantrieben.

Einzelne Bausteine der CityLogistik werden aktuell von einigen Unternehmen als Anbieter auf dem Markt angeboten (z. B. Technikbausteine von Siemens, Konzeptansätze des Forschungsprojekts Last Mile Logistics (LaMiLo) oder Beratungsangebote von PTV Group). Da eine übergreifende Vernetzung aller Akteure aber bisher fehlte, konnte keiner der Marktakteure eine breite Marktdurchdringung erreichen. Bisherige Marktangebote zur logistischen Optimierung urbaner Systeme konzentrieren sich auf (technische) Teilaspekte der Versorgungsfunktion oder isoliert-agierende Online-Handels Konzepte.

Die vorgestellten Ansätze wurden bisher vornehmlich solitär bearbeitet, bislang findet keine integrierte Betrachtungsweise auf Basis der individuellen Bedarfssituation der jeweiligen Region statt. Es fehlt den Konzepten weiterhin an einer organisatorischen und partizipativen Verankerung in den Modellen der nachhaltigen Stadtentwicklung. Das führt zu dem Nachteil, dass zwischen den Lösungsansätzen keine Verbindungsmöglichkeit besteht, im schlechtesten Falle können Vorteile der Einzelansätze sich gegenseitig behindern, zumindest aber können sie sich nicht gegenseitig unterstützen. Ansätze zur Verkehrsvermeidung in Kombination mit Stärkung des lokalen Handels sind bisher nicht bekannt.

Eigene Vorarbeiten

Das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik, Fraunhofer IML, ist das größte Forschungsinstitut für Logistik weltweit. Das am Fraunhofer IML durchgeführte Vorhaben „Urban Retail Logistics“, gefördert vom BMBF im Rahmen des EffizienzClusters LogistikRuhr, zielte auf eine kooperative Belieferung von Handelsfilialen über ein „Urban Hub“ ab. Eine Spezialisierung wurde hier jedoch auf den Anwendungskreis der teilnehmenden Händler REWE, METRO und LEKKERLAND vorgenommen . Die Erkenntnisse werden unmittelbar in die Weiterentwicklung der gebündelten Endkundenbelieferung einfließen. Auch Vorarbeiten im Bereich innovativer Geschäftsmodelle werden aus diesem Projekt in das laufende Vorhaben einfließen. Im Rahmen des BMBF-Projektes „Geräuscharme Nachtlogistik – GeNa-Log“ wurde ein logistisches Dienstleistungskonzept für die Handelsbelieferung im urbanen Raum unter Verwendung von Elektromobilität entwickelt und umgesetzt. Umfangreiche Erkenntnisse in Bezug auf die Konzeptionierung der Dienstleistungsabläufe sowie Erfahrungen in Bezug auf die Einbindung von kommunalen Entscheidern für eine Anlieferung in Tagesrandzeiten, bzw. in der Nacht gemacht. Die laufende Studie „Veränderung des gewerblichen Lieferverkehrs und dessen Auswirkungen auf die städtische Logistik“, beauftragt vom BMVI, strukturiert gängige Konzepte urbaner Logistik erstmals anhand ihrer möglichen Auswirkungen auf die Verkehrsflüsse. Im Auftrag des BMBF hat das Fraunhofer IML darüber hinaus erfolgreich die Studie „Potenziale einer innovativen Stadt-Logistik in Bottrop“ erstellt, auf der das hier vorgestellte Forschungsvorhaben aufsetzen kann . Durch die Nutzung dieser Vorarbeiten kann die bestehende Arbeit am vorliegenden Vorhaben deutlich effizienter durchgeführt werden. Viele Erkenntnisse aus den genannten Vorprojekten helfen in der schnellen, zielorientierten Ausgestaltung des aktuellen Projekts, was letztendlich zu einer sehr wirtschaftlichen Vorgehensweise führt.

Das Amt für Wirtschaftsförderung und Standortmanagement der Stadt Bottrop ist Verbundkoordinator des im Rahmen des BMBF-Förderaufrufs „Nachhaltige Transformation urbaner Räume“ geförderten Vorhabens „Bottrop 2018plus – auf dem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaftsstruktur“ (10/2016-10/2019). Im Rahmen dieses Projektes wurden neue Formen der Zusammenarbeit zwischen den Akteuren der Bottroper Stadtgesellschaft (Unternehmen, öffentliche und intermediäre Institutionen) ins Leben gerufen. Im Handlungsfeld des Projektes „Hybride Formen des Einzel-, Online- und Fachhandels“ wurden die verkehrliche Entlastung der Innenstadt sowie die Reduzierung der Emissionen als zentrale Zielgrößen zur Verbesserung der Standortqualität identifiziert. Die Notwendigkeit integrierter City-Logistik-Lösungen sowie der Bedarf an nachhaltigen Transportdienstleitungen wurden von den Beteiligten besonders hervorgehoben. Am Wirtschaftsstandort Bottrop werden große Potenziale gesehen, durch neue Kooperationen niederschwellige innovative und nachhaltige Logistikangebote zu entwickeln und zu erproben.

Das Institut für Innovationsforschung und -management (ifi) ist eine zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Westfälischen Hochschule. Das ifi wurde auf Wunsch der Landesregierung 2009 als Spin-off des Instituts für angewandte Innovationsforschung (IAI) e.V. an der Ruhr-Universität Bochum gegründet, um auch im Bereich der Fachhochschulen die Innovationsforschung zu etablieren. Im Projekt SiME - Systeminnovationen für Mobilität und Energie in der Metropole, gefördert vom BMBF, beschäftigen die Forscherinnen und Forscher des ifi sich derzeit (07/2017 - 06/2020) am Beispiel der Metropole Ruhr ganzheitlich mit der Transformation der Region vor dem Hintergrund der Energie- und Mobilitätswende. In einer von insgesamt sechs Fallstudien stehen dabei technische, ökonomische und politisch-regulatorische Rahmenbedingungen für Innovationen in der Citylogistik im Mittelpunkt der Analysen. Ergebnis der Arbeiten wird u.a. ein praxisorientiertes Gestaltungsinstrument für den offenen und integrativen Innovationsprozess sein, das unter Berücksichtigung verschiedener Ansätze des bisher technisch dominierten Systems Engineering entwickelt wird. Zudem begleitet das ifi verschiedene Akteure der Stadt, Wirtschaft und Zivilgesellschaft aus Bocholt wissenschaftlich auf ihrem Weg zur Zukunftsstadt Atmendes Bocholt 2030+, gefördert durch das BMBF (06/2015-09/2018). Gemeinsam mit den Projektpartnern wurde ein Stage-Gate-Prozess und ein Bewertungssystem für die Priorisierung verschiedener Maßnahmen der Stadtentwicklung auf diversen Aktionsfeldern erarbeitet und implementiert.

Abgrenzung zu anderen Vorhaben

Bisher wurden in verschiedenen Forschungsarbeiten mit dem Vorhaben verwandte Themen behandelt. Alle bisherigen Arbeiten fokussieren jedoch lediglich Einzelaspekte des Themengebiets. Im Bereich der horizontalen Kooperation zur unternehmensübergreifenden Bündelung von Warenströmen in der Handelslogistik existieren heute vereinzelte Ansätze auf Unternehmensseite. Umfassende auf Realbetrieb existierende Partizipationsstudien über alle Akteure fehlen ganz.

Das am Fraunhofer IML durchgeführte Vorhaben „Urban Retail Logistics“ hat Bündelungs- und Kooperationsgedanken im Rahmen eines „Urban Hub“ im Fokus. Eine Spezialisierung der sortimentsspezifischen Logistik wurde hier jedoch auf lediglich drei teilnehmende Händler vorgenommen. Besondere Anforderungen anderer Branchen und insbesondere die Kombination mit Dienstleistungsverkehren und Warenflüssen seitens der Gewerbetreibenden (z. B. Schuster, Schneiderei, Wäscherei) wurden nicht einbezogen. Angesichts eines noch hohen Anteils der nicht-filialisierten Handelspartner und der Gewerbetreibenden im Innenstadt-Bereich stellt die Einbeziehung weiterer Sortimente und vor allem der privaten Haushalte einen wichtigen Ansatz dar.

Die Aktivitäten der „Online City Wuppertal (OCW)“ sowie der „eBay City Mönchengladbach“ adressieren ebenfalls Fragstellungen der Auslieferung von Waren vor Ort an den lokalen Kunden. Gemeinsam mit dem IT- und Logistikpartner Atalanda bietet man in Wuppertal die Möglichkeit, Produkte von lokalen Händlern online zu bestellen. Die Online City Wuppertal (OCW) kombiniert stationären Handel und Onli-nehandel, um den lokalen Einzelhandel in Wuppertal zu stärken. OCW bietet eine Infrastruktur für Multichannel- Services (Mehrkanal-Vertrieb), Händlerschulungen und das Retail Lab (Versuchslabor). Aktu-ell bieten von den 54 aufgeführten Händlern noch 35 überhaupt Waren an. „Mönchengladbach bei eBay“ ist im Juli 2016 als erfolgreiches Pilotprojekt im Rahmen von „eBay City“ beendet und in den Realbetrieb übergeben worden. Aktuell bieten rund 70 Händler ihr Sortiment über die bisherigen Verkaufskanäle hinaus auch bei eBay an . Ähnliche Ansätze sind in der Kleinstadt Diepholz etabliert. Ziel dieser Initiativen ist es den stationären Einzelhandel digital zu transformieren oder zumindest an die online-Welt anzugliedern. Allerdings sieht keine der beiden Plattformen vor, Dienstleister, Gastronomen oder Handwerksunternehmen zu integrieren und die Akteure: Stationärer Einzelhandel, Logistik und private Haushalte in einem Multi-Channel-Ansatz so eng zu vernetzen. Somit geht LOUISE in der Zielsetzung deutlich über den Status Quo hinaus, dient es doch ebenfalls der Schaffung neuer innovativer und verteilter Geschäftsmodelle.

Die „European Platform on Mobility Management“ hat sich im Rahmen ihres Projektes SMARTSET die Entwicklung eines Geschäftsmodells im Bereich des Güterverkehres zum Ziel gesetzt. Dieses Ge-schäftsmodell soll so aufgebaut sein, dass sie gewisse Hürden im Bereich der Logistik überwinden kann. Dazu zählen unter anderem das Vermeiden eines Projektscheiterns im Nachgang an die öffentli-che finanzielle Unterstützung. Nach Angaben des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens KPMG befinden wir uns aktuell im Wandel der Geschäftsmodelle. Dies ist zum großen Teil auf häufige Investitionen in Logistik-Start-Ups zurückzuführen. Diese verwenden insbesondere die sogenannten Crowd-Logistics-Geschäftsmodelle. Die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle wird in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen. So geht man in der Studie DELIVERING TOMORROW davon aus, dass der langfristige Erfolg von Unternehmen zukünftig von diesen abhängig sein wird. Zudem kommt, dass sich Geschäftsmodelle aufgrund der Vielzahl an Innovationen, welche neue Märkte öffnen, verändern müssen. Diese Beispiele unterstreichen den Forschungsbedarf für urbane Geschäftsmodelle im Aktionsraumprivater Haushalte, des Handels und der Logistik. Damit zielt das Vorhaben auch genau darauf ab, einen Beitrag zur Schließung dieser Lücke zu leisten.

Darüber hinaus gibt es innerhalb Europas inzwischen eine Vielzahl von Projekten im Umfeld Smart City wie die folgende Karte veranschaulicht Jedoch ist der Fokus der Smart City Projekte in den Themenfeldern „Smart Government“, „Smart Buildings“, „Smart Water“, „Smart Energy“ unterteilt und selbst der Bereich „Smart Transportation“ ist stark auf Personenmobilität ausgerichtet. Eine ganzheitliche Betrachtung von Wirtschaftsverkehren, die etwa auch Handwerker-Service-Fahrten in einer Plattform mit einbezieht ist demgegenüber bisher nicht bekannt.

Smart City Projekte

Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 27.2.2018, BVerwG 7 C 26.16, sind Dieselverkehrverbote ausnahmsweise möglich. Die hierdurch verschärfte Diskussion um Dieselfahrverbote gibt dem Vorhaben LOUISE darüber hinaus weitere Pluspunkte. Eine Bündelung in den Bereichen etwa von Handwerks- und Technikerfahrten, die häufig Dieselantriebe nutzen, könnte positive Effekte erzielen.

Patentlage

Patente auf Geschäftsmodelle sind nach Patentgesetz in Deutschland und Europa nicht möglich. In den USA kann eine Geschäftsidee im Sinne eines „Verfahrens“, Kategorie „Process“ patentiert werden. Ge-schäftsmodelle werden in den USA in Patentklasse 705, international in die neu geschaffene Klasse "G06Q" (vorher "G06F17/60") eingruppiert. Eine Recherche mit den Schlagworten „Urban Logistics“ und „Business Model“ führte aber zu keinen Ergebnissen. Zwar hält der Händler Amazon ein Patent für das „Anticipatory Shipping“, also eine Methode, um Waren bereits auf Basis von Bestellprognosen auf den Weg zum Kunden zu schicken, ohne dass tatsächlich schon eine Bestellung beim Händler eingegangen ist. Das Patent betrifft allerdings nur das rein technische, konzeptionelle Verfahren, weniger das Geschäftsmodell an sich. Aus der Patentsituation liegen also keine hindernden Patente vor.

 

Die Förderung

Über Smart Service Welt II:

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) fördert mit dem Technologieprogramm „Smart Service Welt II“ 18 Projekte mit rund 50 Millionen Euro, die neue Anwendungsbereiche für intelligente Dienste erschließen sollen. Ein Schwerpunkt liegt dabei in der Digitalisierung von Anwendungsbereichen in ländlichen Regionen und Kleinstädten. Deren spezifische Chancen und Herausforderungen müssen aufgegriffen werden, um mit Hilfe digitaler Technologien auf den Erhalt gleichwertiger Lebensverhältnisse verglichen mit städtischen Möglichkeiten hinzuwirken. Zusätzlich werden durch begleitende Forschungsmaßnahmen Fragen und Herausforderungen hinsichtlich der Themen Recht, Geschäftsmodelle, Interoperabilität und IT-Sicherheit erörtert. Weitere Informationen finden Sie unter: www.smart-service-welt.de

Gefördert durch: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages Smart Service Welt

Kontakt

Dipl.-Logist. Michael Lücke
Senior Engineer – Leiter SC Operations

Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML
Joseph-von-Fraunhofer-Str. 2-4
44227 Dortmund

Telefon: +49 (231) 9743-337

michael.luecke@iml.fraunhofer.de